Monika Tscherepanow
Praxis für Systemaufstellungen

Die Geschichte von der Zwei-Kuh-Frau

In der Hoffnung, das Glück ihres Lebens zu finden, verlassen die beiden Freunde John und Steve ihre heimatliche Küste und segeln hinaus auf das offene Meer. Nach vielen Tagen auf See geraten sie jedoch in einen verheerenden Sturm und erleiden Schiffbruch. Hilflos im Meer treibend werden sie schließlich völlig entkräftet an den Strand einer tropischen Insel gespült und gerade noch rechtzeitig von einem Ureinwohner-Stamm entdeckt und gerettet. Die Ureinwohner bringen die Schiffbrüchigen in ihr Dorf und pflegen sie gesund…

Am Abend sitzen die beiden Freunde mit den Bewohnern des Dorfes am ¬Feuer und genießen das gemeinsame Abendessen. Steve schaut unablässig die Frau an, die das Abendessen serviert. Er stupst seinen Freund an und sagt unvermittelt: „Siehst du diese Frau da? Sie wird meine Frau werden!“ John ist entsetzt: „Was sagst du da? Diese Frau soll deine Frau werden? Bist du blind? Sieh sie dir doch mal genauer an: Die Haare hängen ihr wirr ins Gesicht, sie geht krumm, ihre Schultern hängen herunter und sie hat eine große Lücke zwischen den Vorderzähnen. Und dazu meckert sie noch ständig schlecht gelaunt die Leute an. Die willst du als Frau? Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ John kann sich kaum beruhigen.

Aber Steve bleibt dabei: „Sieh sie dir doch mal richtig an, mein Freund – in Wahrheit ist sie wunderschön. Ich habe die Frau meines Lebens gefunden! Ich heirate sie und verbringe den Rest ¬meines Lebens hier auf der Insel. Und – ich werde mit ihr glücklich sein!“

John kann einfach nicht glauben, dass sein Freund es offensichtlich ernst meint. Doch Steve lässt sich nicht umstimmen. John beschließt, nach Hause zu segeln und besorgt sich ein Boot. ¬Einige Tage später sticht er in See …

Kaum ist John weg, macht sich Steve auf den Weg zum Häuptling und bittet ihn, die Frau heiraten zu dürfen. Der Häuptling schaut ihn irritiert an: „Nun, wenn du in unserem Dorf eine Frau heiraten willst, musst du für sie bezahlen. Jede Frau hat einen anderen Wert –  zwischen einer Kuh und zehn Kühen. Die Frau, die du beschrieben hast, kannst du für drei Kühe haben!“ Steve schüttelt den Kopf: „Das ist keine Drei-Kuh-Frau!“ erwidert er scharf, „Das ist eine Zehn-Kuh-Frau!“ Der Häuptling lacht: „Siehst du nicht die hängenden Schultern, die schlampige Art sich zu kleiden und wie sie ständig alle anmeckert! Das ist noch nicht einmal eine Drei-Kuh-Frau. In Wirklichkeit ist sie nur zwei Kühe wert. Aber ich habe drei gesagt, damit wir Spielraum zum Handeln haben.“ „Nein“, beharrte Steve, „sie ist eine Zehn-Kuh-Frau! Ich werde sie heiraten und zehn Kühe für sie bezahlen!“

Der Häuptling schaut ihn ernst an: „Du bist verrückt. Du machst das ganze Wertesystem unserer Stammes-Frauen kaputt.“ Doch als er den unbeugsamen Blick von Steve sieht, antwortet er schließlich: „Na gut, dann zahle eben zehn Kühe, und ich nehme dich als Beispiel für einen verrückten Amerikaner!“
Steve hat kein Geld. Ein Jahr lang arbeitet er sehr hart, um sich die zehn Kühe zu verdienen. Schließlich gelingt es ihm. Er übergibt dem Häuptling stolz die zehn Kühe und heiratet die Frau …

Eines Tages ist große Aufregung im Dorf. Steves alter Freund John ist mit einem neuen Segelboot auf der Insel gelandet.

„Wo ist Steve?“ fragt er die Dorfbewohner sofort. Einer von ihnen zeigt mit dem Finger in Richtung Dorfrand: „Er wohnt da hinten, am Strand, dort in diesem schönen Haus!“
John rennt voller Freude auf das Haus zu und klopft aufgeregt an die Tür. Eine wunderschöne Frau öffnet ihm und bittet ihn höflich herein. Die beiden Männer fallen sich glücklich in die Arme. Sie haben sich viel zu erzählen. Die exotische Inselschönheit bewirtet sie vorzüglich, bringt ihnen zu trinken und köstliches Essen. John muss immer wieder zu ihr hinschauen.

Nach einer Weile fragt er: „Sag mal, Steve, was ist eigentlich aus der verrückten Frau geworden, die du seinerzeit heiraten wolltest? Damals dachte ich, du bist völlig übergeschnappt, aber jetzt lebst du mit dieser exotischen Schönheit in diesem tollen Haus. Also, was ist eigentlich aus der Frau von damals geworden?“

Steve deutet auf die Tür und sagt: „Sie ist hier. Sie hat dir die Tür geöffnet, dich willkommen geheißen und unser leckeres Mahl bereitet. Das ist die Frau, die ich damals geheiratet habe.“ „Nein, auf keinen Fall“, sagt John, „das kann nicht sein. Die andere Frau trug Lumpen, ihr Geist war wirr. Sie war unansehnlich und hatte an allem etwas auszusetzen. Das ist sie nicht! Die Frau hier in deinem Haus ist wunderschön. Sie strahlt und ist voller Liebe und Glück. Das kann doch nicht die Frau von damals sein. Du lügst!“

Daraufhin ruft Steve seine Frau zu sich. „Maria“, sagt er, „würdest du bitte meinem Freund erklären, wer du bist.“ Maria setzt sich zu den beiden an den Tisch, lächelt John an und sagt: „Ja, ich bin es wirklich!“ Als sie lächelt, kann John die Lücke zwischen ihren beiden Vorderzähnen sehen und er erkennt, dass sie es tatsächlich ist. Er ist völlig verblüfft. „Ich kann es einfach nicht glauben“, sagt er und schüttelt den Kopf: „Was ist nur mit dir passiert? Ich habe doch gesehen wie du damals warst. Was ist geschehen?“

„Nun ja“, beginnt Maria vorsichtig zu erzählen „bereits als kleines Mädchen war mir klar, dass ich nur eine Zwei-Kuh-Frau bin. Jeder im Dorf, meine ¬Familie, meine Bekannten, alle betrach¬teten mich als Zwei-Kuh-Frau und ¬behandelten mich auch so. Dann kam Steve und meinte, ich sei zehn Kühe wert. Und dann hat er tatsächlich zehn Kühe für mich bezahlt – für mich! Zur Hochzeit organisierte er eine Zehn-Kuh-Hochzeitsfeier und ich trug ein Zehn-Kuh-Hochzeitskleid. Von morgens bis abends behandelte er mich wie eine Zehn-Kuh-Frau – in allem! Anfangs konnte ich damit nicht umgehen. Doch nach und nach veränderte sich mein Lebensgefühl. Meine bisherige Meinung über mich schwand dahin. Ich begann, mich durch seine Augen zu sehen und wurde zu einer Zehn-Kuh-Frau – mit ¬allem, was dazu gehört.                                                     

Quelle: Wie Beziehung gelingt
 

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