Monika Tscherepanow
Praxis für Systemaufstellungen

Grabe bei dir selbst

In Krakau lebte vor Zeiten ein armer Schneider, der hieß Eisik. Diesem Eisik träumte eines Nachts, er solle nach Prag wandern, und dort, an der Brücke über die Moldau, solle er graben, dann würde er einen Schatz finden. Weil ihm das dreimal hintereinander träumte, packte er das kleine Bündel seiner Habseligkeiten und wanderte los.
 
In Prag, an der berühmten Brücke mit ihren Statuen links und rechts und der goldenen Burg auf der anderen Seite des Stromes, sah er sofort, dass er doch hier unmöglich graben könne. Denn dort herrschte auch vor zwei Jahrhunderten, als diese Geschichte spielte, reger Verkehr. Kaufleute zogen mit ihren Wagen, Hausfrauen mit Krügen auf dem Kopf, Bauern mit Früchten und mit Gemüse über die Brücke, und an beiden Enden wachte ein Hauptmann mit seiner Garde. „Was würden die Leute sagen, wenn ich hier zu graben anfinge?“ musste sich Eisik fragen.
 
Weil er nun aber den weiten Weg von Krakau nach Prag gewandert war, kam er jeden Tag an die Brücke und überlegte: „Wo mag denn mein Schatz liegen? Gesetzt den Fall, ich könnte hier graben, wo würde ich das tun?“ 
Allmählich fiel das der Wache auf. Schnell war Eisik eingestuft als verdächtiges Subjekt. Eines Tages herrschte der Hauptmann den Schneider an: „Was treibst du dich hier herum? Wir beobachten dich schon tagelang. Scher dich gefälligst weg!“
 
Darauf erzählte Eisik seinen Traum. Der Hauptmann lachte: „Wo kämen wir hin, wenn wir Träumen trauen würden? Mir zum Beispiel träumt nun schon tagelang, ich solle nach Krakau wandern und dort, unter dem Ofen eines armen Juden, solle ich graben, ich würde dann einen Schatz finden.“

Eisik verneigte sich tief, bedankte sich, wanderte zurück nach Krakau, nahm die Steine unter seinem Ofen fort, grub dort und – fand den Schatz.
 
Später, als Eisik der berühmte und heilige Rabbi Eisik des Chassidismus geworden war, erzählte er oft diese Geschichte, und jedes Mal, wenn er das tat, fügte er an: „Grab nicht woanders, grab bei dir.“

Joachim- Ernst Berendt

 

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